Die burgenländischen Kroaten sind seit jeher Pilger und Wallfahrer. Diese Sprache des Glaubens und des Lebens steckt in ihren Genen. Als einer, der durch ein Vierteljahrhundert ihre jährlichen Wallfahrten nach Mariazell erleben und mitgestalten durfte, weiß ich, wovon ich rede. Übrignes, bei der Wallfahrt wurde nur selten gestritten, einmal heftig. Es ging darum, welche Gruppe deselben Dorfes beim Einzug in Mariazell die Mariazeller Wandermadonna tragen dürfe. Die Wallfahrten der Kroaten leben seit vielen Jahrhunderten und sie führen an viele Orte: Mariazell und Györ, Oberberg, Loretto und Dürnbach und viele andere Wallfahrtsorte in Österreich, Ungarn, Kroatien und in anderen Ländern.
Auch ich kenne die Herausforderung und die Aufbruchsstimmung der Wallfahrt. Nach der Matura ging es nach Mariazell, wohl aus Dank für die gut bestandene Mathematikprüfung, die für mich immer noch ein Wunder bleibt. Drei mal zu Fuß von der Abtei St. Lambrecht nach Mariazell, auf dem alten Gründerweg, denn Mariazell würde es ohne die Mönche von St. Lambrecht nicht geben. Und so haben in Mariazell und in St. Lambrecht – heuer 950 Jahr alt – durch die Jahrhunderte junge Männer aus dem Burgenland: Kroaten, Ungarn und Deutschsprachige ihren Weg und ihre Lebensaufgabe an diesen Orten gefunden. Auch mit dem Fahrrad bin ich nach Mariazell gekurvt, und schon als Kind ist mir dieser Ort nicht fremd geblieben.
Allerdings war ich nie in Lourdes oder Fatima, Medugorje ist mir persönlich nicht nur geografisch entfernt. Das Grab des Heiligen Jakobus habe ich aufgesucht, auch die heiligen Stätten im Heiligen Land und die Spuren Jesu und zudem habe ich fünf Jahr in Rom gelebt. Zeit genug, um die Gräber der Apostel, Märtyrer und heiligen Päpste aufzusuchen und unzählige Male vor dem Marienbild in der Basilika S. Maria Maggiore zu beten, in der Marienkirche, in der Papst Franziskus seine Ruhestätte am Ende seines Pilgerweges fand. Auch andere Wallfahrsstätten sind mir nicht fremd geblieben: Die Hl. Hemma in Gurk, andere in Österreich, in den Nachbarländern und im Burgenland.
Und da ich das Versäumte oder nicht Gewollte in der verbleibenden Lebenszeit nicht mehr schaffen werde, konzentriere ich mich auf die eigentliche Wallfahrt, die Wallfahrt meines Lebens. Sie ist für mich und für alle ein Aufbruch zu Gott, er ist und bleibt das Ziel. Diese Suche überwindet die selbstzufriedene Sesshaftigkeit und ist mehr als eine ruhelose Unverbindlichkeit. Sie bringt das Leben zur Sprache, gibt den Schritten Wahrhaftigkeit und dem Suchen ein Ziel: Die Begegnung mit Gott, der am Anfang des Lebens überrascht und am Ziel des Lebens voll Ungeduld auf uns wartet. Ich glaube und vertraue, dass er weiterhin auf mich zugeht, mich sucht und begleitet, mich stärkt in Glauben, Hoffnung und Liebe, mich stützt in meiner Bedürftigkeit, sich mir zuwendet mit seiner ungeschuldeten Barmherzigkeit in Schwäche, Not und Trauer, das Zerbrochene heilt, mich befähigt, auszuhalten und der Freude Schwung gibt. Und so darf ich glauben, dass Gott der Pilger ist, der die Menschen in seinen Blick nimmt, der auf sie geduldig wartet, sie empfangen und ein Fest bereiten wird, das alle Vorstellungen und Erwartungen sprengt.
Es ist gut, ein Pilger zu sein, auf dem Weg zu bleiben und das Ziel nie zu vergessen. Denn das Pilgerziel Gottes ist der Mensch und des Menschen Ziel ist Gott.
Foto:Anna Maria Scherfler